Wann sich Fotografie wieder echt anfühlt

Fuji GFX 100ii 1/5s F8,ISO100 45mm, Profoto A10

Perfektion war lange das höchste Ziel der Fotografie.

Schärfer.
Sauberer.
Makelloser.

Doch je perfekter Bilder geworden sind, desto größer wurde gleichzeitig die Sehnsucht nach Bildern, die sich wieder echt anfühlen.

Bilder mit Bewegung.
Mit Fehlern.
Mit Atmosphäre.

Nicht jedes Foto muss aussehen, als wäre es in einem sterilen Labor entstanden. Manche Bilder dürfen flackern. Atmen. Zerfallen.

Und manchmal sind genau das die Bilder, die bleiben.

Für diesen Shoot wollten wir genau diesen Zustand erzeugen. Irgendwo zwischen Partyfotografie, verschwommener Erinnerung und dem rohen Look alter Point-and-Shoot-Kameras.

Ein Bild, das sich nicht komplett kontrolliert anfühlt.

Fuji GFX 100ii 1/5s F8,ISO100 45mm, Profoto A10

Der Aufbau:

Zwei graue Backdrops standen leicht versetzt hintereinander im Studio. Farbiges Licht durch zwei Nanlite FC-500C, fiel auf den Hintergrund, während eine frei schwingende Nanlite PavoTube II 15 über dem Set pendelte. Befestigt an einer Angelschnur, ständig in Bewegung. (Danke Hannah)

Der Raum begann plötzlich nicht mehr wie ein Studio auszusehen.
Sondern wie etwas, das erlebbar ist.

Vorbeiziehende Autos.
Flackerndes Licht in Clubs.
Hochzeiten kurz vor drei Uhr morgens.

Das Modell stand bewusst weit entfernt vom Hintergrund.

Fast außerhalb der Szene.

Nur ein schmaler Streifen des farbigen Lichts traf Gesicht und Schultern. Alles andere verschwand im Schatten.

Der Rest kam später:

Durch den Blitz.

Und genau dort wird es fotografisch spannend:

Denn Blitzlicht verhält sich anders als Dauerlicht. Während das Umgebungslicht Bewegung und Zeit sichtbar macht, friert der Blitz für einen winzigen Moment alles ein.

Beides existiert gleichzeitig im selben Bild.

Das Modell wurde so weit vom Hintergrund platziert, dass sie vom Umgebungslicht nicht getroffen wurde und somit von unserer Kamera, bzw. dem Blitz belichtet wurde.

Grafik: set.a.light 3D Studio

In der Fotografie spricht man in diesem Fall von Zonen. Die erste Zone ist das Modell, dass ohne weiteres Licht nur an der Seite und von hinten von dem farbigen Licht getroffen wird.

Die zweite Zone ist der Hintergrund. Um Streulicht zu vermeiden, wurden jeweils Abschatter eingesetzt um Bouncen über die weißen Studiowände zu vermeiden.

Belichtet man das Bild also so, dass der Hintergrund atmosphärisch passt, muss man den Vordergrund nun separat mit einem Blitz beleuchten, um eine ausgewogene Belichtung auf das Bild zu realisieren.

Grafik: set.a.light 3D Studio

Hier zeigt sich eine Eigenheit der Blitzfotografie:

Wird der Blitz nun gezündet, ist es egal, mit welcher Verschlusszeit die Kamera das Bild belichtet, da er innerhalb der Verschlusszeit, egal wie lang sie ist, immer dieselbe Menge Licht ausgibt. Diese Eigenheit ermöglicht es, auch längere Verschlusszeiten zu realisieren um, in unserem Beispiel, die schwingende PavoTube in Bewegung, also Bewegungsunscharf abzubilden.

Grafik: set.a.light 3D Studio

Während des Shoots bewegte sich das Modell tanzend durch das Set.

Keine exakten Posen.
Keine präzise Kontrolle.

Mehr Reaktion als Planung.

Und plötzlich wurde genau das interessant:
Wie weit darf eine Bewegung gehen, bevor sie zerfällt?
Wann wird Unschärfe zu Atmosphäre?
Wie lange kann die Verschlusszeit werden, bevor das Bild auseinanderbricht?

Ab diesem Punkt hört man auf, ein Lichtsetup nachzubauen.

Und beginnt wieder zu fotografieren.


Vielleicht liegt genau darin gerade die Sehnsucht vieler Bilder.

Nicht in noch mehr Perfektion.
Nicht in noch mehr Auflösung.

Sondern in Bildern, die sich wieder nach einem echten Moment anfühlen.

Etwas zu schnell.
Etwas zu laut.
Nicht komplett kontrollierbar.

Wie Erinnerungen eben selten perfekt sind.

Fuji GFX 100ii 1/5s F8,ISO100 45mm, Profoto A10

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