16mm Portraits
GFX100ii, 20-35mm bei 20mm 1/125 F7.1
Weitwinkel-Portraits außerhalb meiner Komfortzone
Denkt man an Portraits, kommen einem schnell Brennweiten wie 85 mm oder 135 mm in den Sinn.
Diese Brennweiten gelten nicht ohne Grund als eine Art Goldstandard in der Portraitfotografie. Leichte Telebrennweiten tun viel für die portraitierte Person vor der Kamera: Sie gehen vergleichsweise sauber mit den Proportionen des Gesichts um und sorgen durch den größeren Abstand zwischen Kamera und Modell für eine ruhigere, oft schmeichelhafte Darstellung.
Auch die Bildwirkung ist vertraut: 85 bis 135 mm separieren das Modell häufig sehr deutlich vom Hintergrund. Durch die geringere Tiefenschärfe wird der Blick des Betrachters gelenkt, Ablenkungen verschwinden in der Unschärfe. Ein Stoppschild, das in der Schärfe massiv stören würde, wird plötzlich vielleicht nur noch zu einem roten Farbakzent. Eine Toreinfahrt mit Warnhinweisen wird in der Unschärfe zu einer grafischen Form.
In diesem Brennweitenbereich lernen wir also nicht nur, ein Gesicht schön abzubilden. Wir lernen auch, uns den Hintergrund in der Unschärfe vorzustellen.
35 bis 50 mm spielen eine andere Rolle, wenn es um kontextualisierte Fotografie von Menschen geht. Hier wird der Hintergrund nicht weg erzählt, sondern ergänzt das Motiv um eine Umgebung. Farben, Linien, Licht und Formen werden sichtbarer und damit wichtiger. Die Komposition wird anspruchsvoller, weil mehr Bildelemente aktiv gestaltet werden müssen.
Zusammengefasst ist es also immer die Beziehung zwischen Motiv, Hintergrund und Brennweite, die Fotograf:innen zu einer bestimmten Optik greifen lässt.
Während 85 bis 135 mm das Modell oft sehr schön vor dem Hintergrund freistellen, betten kürzere Brennweiten die Person stärker in ihre Umgebung ein. Je weniger Freistellung stattfindet, desto genauer muss man arbeiten. Der Hintergrund verschwindet nicht mehr in der Unschärfe, sondern wird Teil der Gesamtkomposition. Bei 35 mm ist er bereits ein großer Teil des Portraits.
Um diesen Unterschied sichtbar zu machen, lohnt sich ein direkter Vergleich. Nicht als Labortest, sondern als gestalterische Einordnung: Wie verändert sich ein Portrait, wenn wir die Brennweite Schritt für Schritt verkürzen?
Die folgenden Bilder zeigen denselben Grundgedanken mit unterschiedlichen Brennweiten. Dabei geht es weniger darum, welche Brennweite „besser“ ist, sondern darum, wie sich das Verhältnis zwischen Person, Hintergrund und Bildwirkung verschiebt.
Bei 135 mm oder 85 mm entsteht häufig eine Verdichtung: schöne Proportionen, starke Trennung, ein Hintergrund, der eher als Farbe oder Form wahrgenommen wird.
Bei 50 mm bleibt die Darstellung noch relativ natürlich, aber der Raum beginnt bereits stärker mitzuerzählen. Die Umgebung wird nicht mehr nur Kulisse, sondern bekommt eine eigene Funktion.
Bei 35 mm werden Mensch und Ort deutlich gleichberechtigter. Linien, Flächen, Farben und Licht müssen bewusster komponiert werden, weil sie nicht mehr zuverlässig in der Unschärfe verschwinden.
Je kürzer die Brennweite wird, desto weniger können wir uns auf Freistellung und Kompression verlassen. Der Hintergrund wird nicht mehr weich ausgeblendet, sondern immer stärker zum aktiven Bestandteil des Bildes. Spätestens bei sehr kurzen Brennweiten geht es nicht mehr nur darum, eine Person schön abzubilden, sondern darum, Person, Raum, Linien, Farbe und Perspektive gemeinsam zu kontrollieren.
Im neuen Video wollten wir diese Grenze noch weiter nach unten verschieben. Wir haben sehr weitwinklig fotografiert genauer gesagt mit 16 mm.
Die Herausforderung liegt dabei nicht nur in der starken Verzeichnung, sondern auch in der extremen Nähe zum Motiv. Alles, was nah an die Kamera kommt, wird betont. Proportionen verschieben sich sofort. Hände, Arme, Kopf, Oberkörper — alles muss sehr bewusst platziert werden, damit die Verzeichnung nicht zufällig wirkt, sondern Teil der Bildidee wird.
Die erste und wichtigste Entscheidung war deshalb die Location.
Wir sind in den Mediapark nach Köln gefahren, weil wir dort eine relativ homogene Architektur hatten: viel Glas, viel Blau, klare Flächen und Gebäude, die eng beieinander stehen. Der Gedanke war einfach: Wenn die Linien schon stürzen, dann bitte richtig.
GFX100ii, 20-35mm bei 20mm 1/125 F7.1
Beim Fotografieren fiel schnell auf: Je ungewöhnlicher die Blickrichtung ist, desto eher akzeptiert das Auge den extremen Weitwinkel. Wenn die Kamera sehr tief sitzt und der Blick nach oben geht, erwartet niemand mehr ein klassisch fotorealistisches Portrait. Die stürzenden Linien der Gebäude werden dann nicht als Fehler gelesen, sondern als Gestaltungsmittel. Sie ziehen den Blick ins Bild und unterstützen die ungewohnte Perspektive.
Auch farblich wollten wir den Kontrast bewusst erhöhen. Die Fassaden und der Himmel kamen in einem kräftigen Blau daher. Das gelbe Styling des Modells setzte dazu einen klaren Gegenpol. Weitere Farben haben wir möglichst vermieden oder später in der Postproduktion reduziert. Vor allem Grün war ein Thema, weil die vorhandene Bepflanzung immer wieder versucht hat, ein Stück vom Kuchen abzubekommen.
Als zusätzliche Requisiten kamen blaue Kopfhörer und eine blau verspiegelte Brille ins Bild. Um die Brille stärker wirken zu lassen, haben wir Kim gebeten, mit ihrem Blick immer wieder helle Flächen zu suchen. Sonst wurde die Spiegelung schnell zu dunkel. Das hat manchmal funktioniert und manchmal nicht. Da die Brille aber nur ein kleines Puzzleteil des Bildes ist, sind auch die Varianten mit dunklerer Brille nicht automatisch rausgeflogen.
GFX100ii, 20-35mm bei 20mm 1/125 F4
Beim Licht mussten wir gegen den hellen Himmel und die reflektierenden Fassaden arbeiten. Deshalb haben wir sehr nah an der Kamera geblitzt: frontal, hart und direkt. Das verstärkt den Look noch einmal und gibt dem Bild eine zusätzliche grafische Ebene. Gleichzeitig bedeutet hartes Licht aber auch: Alles, was zwischen Modell und Licht gerät, wirft sofort einen klar sichtbaren Schatten. Gerade bei so nahen Perspektiven muss man deshalb extrem genau auf Hände, Arme, Accessoires und Körperhaltung achten.
Für mich war der Shoot eine deutliche Herausforderung, weil ich mich in fast allen Bereichen aus meiner fotografischen Wohlfühlzone bewegt habe: Brennweite, Nähe, Perspektive, Komposition, Licht und Styling mussten viel kompromissloser zusammenspielen als bei einem klassischen Portraitsetup.
Genau deshalb war es aber auch spannend.
Dieser Look ist in Werbung, Fashion und modernen People-Kampagnen sehr relevant, weil er sofort Aufmerksamkeit erzeugt. Er ist laut, direkt, grafisch und körperlich nah. Gleichzeitig verzeiht er wenig. 16 mm funktionieren nicht, wenn man sie nur als Effekt benutzt. Sie funktionieren dann, wenn Perspektive, Location, Farbe, Licht und Pose gemeinsam eine klare Idee verfolgen.