Die Macht der Serie: Warum nicht jedes Bild alles erzählen muss
Am Anfang meiner fotografischen Reise war ich oft auf der Suche nach dem einen Bild, das alles enthält, was ich erzählen möchte.
Ein Bild, das den Shoot zusammenfasst. Ein Bild, das Stimmung, Person, Licht, Ort und Idee in sich trägt. Diese Herangehensweise konzentriert sich sehr stark auf das eine Ergebnis. Auf den Moment, der alles bündelt.
Und natürlich gibt es solche Bilder.
Manche Fotografien erzählen für sich alleine schon eine eigene Geschichte. Das klassische Portrait kann so ein Bild sein. Ein Gesicht, ein Blick, ein Ausdruck und plötzlich ist da genug Raum für Interpretation.
Aber manchmal möchte man einen Schritt weitergehen. Manchmal passt die Geschichte nicht in ein einzelnes Bild.
In vielen Bereichen der Fotografie gibt es dieses eine Bild ohnehin nur selten. Gerade in der Hochzeits- oder Eventfotografie kann ein einzelnes Bild einen Höhepunkt erzählen, aber kaum die ganze Geschichte. Dafür braucht es eine Serie. Bilder, die sich ergänzen. Bilder, die nicht alle dasselbe sagen wollen. Bilder, die gemeinsam eine Stimmung aufbauen.
Genau dieser Gedanke war der Ausgangspunkt für die Strecke mit Merle.
Merle ist Kollegin und beruflich selbst hinter der Kamera. Sie hat ein sehr geschultes Auge und eine eigene, zarte und reduzierte Art, mit Farben, Formen und Geschichten umzugehen. Das war für mich wichtig, weil dieser Shoot nicht wie eine klassische Portraitsession funktionieren sollte. Es ging weniger darum, ein einzelnes perfektes Bild zu erzwingen, sondern darum, eine Stimmung entstehen zu lassen.
Wir wollten schon lange gemeinsam fotografieren und sind schließlich mit einer Fuji X100VI losgezogen. Entgegen meiner sonstigen Arbeitsweise komplett ohne Hilfsmittel aus dem Studio. Kein Blitz. Kein großes Set. Kein technischer Sicherheitsanker.
Nur Kamera, Ort, Licht, Wasser und die Bereitschaft, zu schauen, was passiert.
Mir war wichtig, Merle als zarte, aber auch abenteuerlustige Person zu portraitieren. Gleichzeitig wollte ich den Druck aus der Situation nehmen. Deshalb haben wir uns entschieden, Kamerablicke nur dann zuzulassen, wenn sie sich richtig und passend anfühlen. Nicht jedes Bild braucht Blickkontakt. Nicht jede Nähe entsteht durch ein Gesicht.
Manchmal erzählt ein Rücken mehr. Manchmal reicht eine Hand. Nasse Haare. Eine Schulter. Gänsehaut. Ein Detail, das nicht laut ist, aber etwas Echtes zeigt.
Der Ort war ein See etwas außerhalb von Köln. Für mich lag darin auch die eigentliche fotografische Herausforderung. Ich mag keine verbauten oder geschlossenen Horizonte, musste aber genau damit umgehen. Dazu kam meine persönliche Abneigung gegen zu viel Grün im Bild, weil Grün für mein Empfinden sehr schnell mit Hauttönen konkurriert und die Weichheit eines Bildes stören kann.
Ich habe mich zusätzlich selbst eingeschränkt, indem ich nur mit einer Brennweite und ohne zusätzliches Licht gearbeitet habe.
Mit einer Festbrennweite ist man automatisch mehr in Bewegung. Man zoomt nicht, sondern verändert seinen Standort. Man sucht das Licht, wartet auf den richtigen Moment und arbeitet trotzdem in verschiedenen Einstellungsgrößen von der Totalen bis zur Nahaufnahme. Ich bin also viel gelaufen, habe Abstände verändert, Winkel ausprobiert und immer wieder neu entschieden, wie viel Umgebung ein Bild braucht.
Auch das Zeitfenster war klein. Es war definitiv zu kalt zum Baden und am Himmel deutete sich bereits eine Regenfront an. Dadurch entstand eine gewisse Dringlichkeit. Nicht hektisch, aber spürbar. Wir konnten nicht endlos wiederholen. Viele Bilder mussten aus dem Moment heraus entstehen.
Anfangs hatten wir ein Moodboard im Kopf. Aber relativ schnell wurde diese äußere Referenz von einer eigenen Geschichte abgelöst.
Das ist für mich einer der spannendsten Punkte an fotografischen Serien: Man kann mit einer Idee starten, aber wenn man aufmerksam bleibt, beginnt die Situation irgendwann, selbst zu erzählen. Dann geht es nicht mehr darum, ein Moodboard nachzubauen. Dann geht es darum, zu erkennen, was vor der Kamera tatsächlich passiert.
Die Details wurden dabei immer wichtiger.
Finger. Haare. Wasser auf der Haut. Der nasse Stoff. Kleine Spuren des Körpers. Bräunungsstreifen. Gänsehaut. Dinge, die man in einem klassischen Einzelportrait vielleicht korrigieren oder vermeiden würde, wurden plötzlich Teil der Erzählung.
Genau darin liegt für mich die Macht der Serie.
Eine Serie muss nicht jedes Bild maximal aufladen. Sie darf leise sein. Sie darf Zwischenmomente zeigen. Sie darf atmen. Ein einzelnes Bild muss oft sehr viel leisten. Eine Serie kann anders arbeiten: Sie kann Distanz schaffen und wieder Nähe zulassen. Sie kann ein Gesicht zeigen und es im nächsten Moment entziehen. Sie kann ein Detail wichtig machen, das alleine vielleicht zu klein wirken würde.
So entsteht eine Form von filmischem Storytelling in der Fotografie.
Nicht, weil die Bilder eine lineare Handlung erzählen müssen. Sondern weil sie Rhythmus erzeugen. Weil sie mit Einstellungsgrößen arbeiten. Mit Pausen. Mit Übergängen. Mit Nähe und Entfernung. Mit dem, was gezeigt wird und mit dem, was bewusst offen bleibt.
Am Ende war dieser Shoot für mich weniger eine Suche nach dem einen perfekten Bild, sondern eine Übung darin, einer Stimmung zu vertrauen.
Das Moodboard wurde unwichtiger. Die Kontrolle wurde leiser. Und genau dadurch wurden die Bilder ehrlicher.
Details wie Finger, Gänsehaut, Haare und Bräunungsstreifen zeigen für mich, wie unmittelbar dieser Moment war. Wie sehr während des Shootings Eitelkeit gegen Emotion getauscht wurde.
Ein paar Worte zu Merle
Merle ist Kollegin und beruflich selbst hinter der Kamera. Genau deshalb war dieser Shoot für mich auch besonders: Wir haben nicht nur gemeinsam Bilder gemacht, sondern eine Bildsprache gesucht, die zu ihr passt.
Wer ihre eigene Arbeit kennenlernen möchte, sollte unbedingt einen Blick auf ihren Instagram-Kanal werfen: