Die glaubwürdigere Gegenwart
Perfektion allein reicht nicht mehr
Mit dem Einzug von KI in die Fotografie wurde das Medium erneut für „tot“ erklärt.
Dabei ist das in der Geschichte der Fotografie nichts Neues.
Der erste große Umbruch war die digitale Fotografie.
Plötzlich war Fotografie nahbar. Fehler kosteten nichts mehr und Ausprobieren wurde unbegrenzt möglich.
Der zweite Moment war Photoshop.
Fotografie verlor ihren Ruf als ausschließlich authentisches Medium, weil Realität plötzlich manipuliert und verändert werden konnte.
Der dritte große Einschnitt war CGI. Viele Produktfotografen werden sich daran erinnern. Auch hier wurde der Fotografie etwas genommen: die einzige Form digitaler Bildgebung zu sein.
Nun verändert KI die Branche ein weiteres Mal.
Interessant ist dabei vor allem eine Beobachtung:
Je perfekter Bilder werden, desto stärker wächst die Sehnsucht nach Bildern, die sich wieder echt anfühlen.
Foto: Dominic Wolfstädter
Authentizität ist mit voller Wucht zurück.
Man sieht diese Entwicklung längst nicht mehr nur in der Fotografie. Analoge Kameras erleben eine Renaissance, Vinyl kehrt zurück und selbst digitale Bilderwelten orientieren sich zunehmend an Fehlern, Brüchen und Imperfektion.
Perfektion allein reicht nicht mehr.
Genau aus diesem Gedanken heraus wollte ich diesen Shoot anders angehen.
Ich wollte mich ein Stück von kontrollierter Perfektion entfernen und wieder näher an dokumentarische Fotografie heranrücken.
Deshalb haben wir den Look einer klassischen Point-and-Shoot-Kamera nachgebaut.
Foto Dominic Wolfstädter
Was diesen Look so besonders macht, ist vor allem seine Direktheit.
Die Kombination aus kleinem Sensor und weiter Brennweite sorgt für eine enorme Tiefenschärfe. Präzises Fokussieren wird beinahe nebensächlich. Der perfekte technische Moment verliert an Bedeutung und der Schnappschuss rückt wieder in den Mittelpunkt.
Es geht plötzlich wieder um Timing.
Um Nähe.
Um echte Emotionen.
Hinzu kommt das Licht.
Eine kleine direkte Lichtquelle, auf deren Wirkung man nur begrenzt Einfluss hat. Alles in unmittelbarer Nähe der Kamera wird hart angestrahlt, alles dahinter verschwindet beinahe im Dunkeln.
Vor einigen Jahren hätte man diesen Look vermutlich vermieden. Heute ist er in fast allen Bereichen der Fotografie zurück. Zuerst in der Modefotografie, später auch in Lifestyle, Werbung und Social Media.
Nicht weil er perfekt ist.
Sondern weil er glaubwürdig ist.
Diese Bilder sagen:
„Ich war dabei.“
Um diesen Gedanken noch weiter zu verstärken, haben wir ein nahezu unkontrollierbares Element in das Shooting eingebaut: eine frisch geöffnete Sektflasche.
Foto Dominic Wolfstädter
Das Verhalten der spritzenden Flüssigkeit war kaum vorhersehbar.
Und genau darum ging es.
Wir hatten keine unbegrenzte Zahl an Versuchen.
Nicht unendlich viele Iterationen wie in einer generierten Bildwelt, sondern exakt vier Sektflaschen.
Der erste Versuch war am Ende das Titelbild.
Beim zweiten war das Gesicht eines Modells komplett von der Fontaine verdeckt.
Der dritte Versuch war unscharf.
Der vierte funktionierte wieder hervorragend.
In der klassischen Werbefotografie wäre ein Shooting mit nur vier Versuchen beinahe absurd.
Aber genau diese Begrenzung verändert die Bilder.
Sie erzeugt Risiko.
Zufall.
Präsenz.
Und vielleicht ist genau das heute wieder so interessant.
Nicht perfekte Bilder.
Sondern Bilder, die sich nach Realität anfühlen.