Portraits bedeutet Hausaufgaben machen
Die dritte Staffel von Bildpunk beschäftigt sich mit Portraits.
Während wir gerade die Videos dazu drehen mit einem klaren Fokus auf Studioarbeit und Lichtsetzung möchte ich hier bewusst einen Schritt zurückgehen. Weg von Kamera und Technik, hin zu den Aspekten, die davor stattfinden.
Denn gute Portraits entstehen nicht erst dann, wenn das Licht steht.
Jil -GFX100ii / 55mm 1.7 bei 2.8
Wen hast du vor der Kamera?
Das ist für mich die entscheidende Frage bei jedem Portrait:
Wen habe ich vor der Kamera und was möchte ich über diese Person eigentlich erzählen?
An erster Stelle stehen Kommunikation und Zeit.
Zeit ohne Kamera.
Bevor ich überhaupt an einen Shoot denke, möchte ich verstehen, wie die Person reagiert, wie ein echtes Lachen aussieht und wo mögliche Unsicherheiten liegen. Diese Phase abseits der Kamera ist enorm wertvoll. Sie hilft mir später, die Person besser einzuschätzen und sie sicher durch den Shoot zu führen.
Fotografiere ich beispielsweise Schauspieler:innen, gehört für mich auch ein kurzes Gespräch mit der Agentur dazu. Dabei geht es nicht nur um Formate oder Beschnitt, sondern um Rollenprofile, Bildwelten und mögliche Lücken im bestehenden Portfolio. Je klarer diese Erwartungen sind, desto gezielter kann ich arbeiten.
Kontext oder Purismus?
Diese Entscheidung bestimmt das weitere Vorgehen maßgeblich.
Beide Ansätze sind valide und verlangen lediglich unterschiedliche Vorbereitung.
Kontext
Fotografiert man für ein Magazin, müssen die Bilder einer Geschichte folgen. Sie brauchen einen roten Faden. Genau hier wird eine Shotlist zum zentralen Werkzeug.
Eine Shotlist gibt Struktur, schafft Sicherheit und verhindert, dass man sich am Set verzettelt oder wichtige Motive vergisst. Sie hilft außerdem dabei, den Tag realistisch zu planen und Aufwände einzuschätzen gerade bei kommerziellen Produktionen ist sie unverzichtbar.
Aber auch freie Projekte profitieren davon. Alle Beteiligten haben einen Überblick, wissen was passiert und wo die Reise hingeht.
Formal enthält eine Shotlist Dinge wie Formate, Einstellungsgrößen oder technische Anforderungen. Spannend wird sie aber inhaltlich.
Wenn ich mich ernsthaft mit der Person vor der Kamera auseinandergesetzt habe, kann ich Kontext herstellen. Ist jemand aus Hamburg nach Köln gezogen, kann diese Reise Teil der Geschichte sein. Hat die Person bestimmte Rituale wie der morgendliche Spaziergang mit dem Hund, ein Lieblingsort, ein Auto, eine Farbe oder ein bestimmtes Getränk dann sind das Ankerpunkte.
Für dich mag das banal wirken. Für die Person vor deiner Kamera ist es oft etwas sehr Persönliches. Genau diese scheinbar kleinen Dinge geben einem Bild Tiefe. Nicht, weil sie für dich besonders sind, sondern weil sie es für dein Gegenüber sind.
Purismus
Mein eigenes Signature-Portrait ist sehr pur, ehrlich und direkt.
Ich mag es, meine Bilder so weit zu reduzieren, dass am Ende nur noch die Person übrig bleibt.
Diese Arbeitsweise setzt mindestens genauso viel Kommunikation voraus. Sätze wie „Vergiss einfach die Kamera“ oder „Sei ganz natürlich“ helfen dabei selten.
Ich empfehle jedem, das einmal selbst auszuprobieren:
vor einer Kamera „ganz natürlich“ zu sein.
Sehr schnell wird klar, wo die Grenzen solcher Anweisungen liegen.
Die wenigsten Menschen fühlen sich wirklich wohl vor der Kamera und das ist absolut nachvollziehbar. Viele von uns haben die Kamera so kennengelernt:
„Lach doch mal.“
Dieser Satz hat mich in meiner Kindheit regelrecht traumatisiert. Ich bin Jahrgang 75, hatte zwei Versuche zu lachen, dann war der Film voll oder das nächste Kind dran. Kein Wunder, dass Kamera für viele mit Druck verbunden ist.
Das ist der Weg
Wie entsteht also ein Blick, der sich richtig, stark oder intensiv anfühlt?
Der Schlüssel sind Emotionen.
Wenn wir etwas fühlen, reagieren die Muskeln im Gesicht automatisch richtig. Der Ausdruck wird echt. Das lässt sich leicht an sich selbst beobachten: Stehe ich mit dem Rücken zur Wand, fühle ich mich sicherer. Denke ich an einen schönen Urlaub, ein Haustier oder einen Moment mit Freund:innen, ist die Emotion sofort da und mein Gesicht spiegelt sie unmittelbar wider.
Auch der Körper spielt eine Rolle. Überkreuzte Beine erzeugen einen anderen Ausdruck als ein stabiler Stand. Zehenspitzen fühlen sich anders an als ein breiter Stand am Boden.
Es ist die Aufgabe der fotografierenden Person, den Zugang zu diesen Emotionen zu erleichtern. Empathie ist dafür entscheidend.
Ich vermeide es weitgehend, Menschen zu posieren. Mir ist lieber, eine Haltung entsteht aus einer Bewegung heraus. Deshalb behandle ich einen Shoot oft wie ein Video: eine leichte, fließende Bewegung, kleine Variationen im Blick, im Stand, in der Haltung der Arme. Meine Aufgabe ist es, im richtigen Moment auszulösen und genau das kommuniziere ich auch.
So nehme ich den Druck von der Person vor meiner Kamera. Die Verantwortung dafür, dass das Bild funktioniert, liegt bei mir und das spürt mein Gegenüber.
Kennt man Unsicherheiten, kann man sie auffangen. Nicht, indem man sie anspricht, sondern indem man Räume schafft, sie zu überwinden. Deshalb sind die Gespräche vor dem Shoot so wichtig.
Ein weiterer Punkt ist permanentes Feedback.
Wir alle reagieren positiv auf ehrliche Rückmeldung und man sieht es sofort.
Während eines Sets bleibe ich mit meiner Aufmerksamkeit ausschließlich bei der Person vor der Kamera. Ich baue kein Licht um, schaue nicht auf den Monitor und fummle nicht an der Kamera. Die Technik ist vorher erledigt. Diese Zeit gehört der Person vor mir und das kommuniziere ich auch klar.
Ich halte fotografische Phasen bewusst kurz, um immer wieder in den Dialog zu kommen. Zwischen den Sets schauen wir gemeinsam die Bilder auf einem Notebook an. Nicht auf dem Kameradisplay. Es ist völlig in Ordnung, Feedback einzuholen und gemeinsam zu schauen, was funktioniert.
Und zum Schluss ein ganz banaler, aber wichtiger Punkt:
Ich drehe die Schärfe meiner Bilder grundsätzlich zurück. Auch bei sehr hochauflösenden Setups. Niemand möchte bei 100 Megapixeln eine 100-Prozent-Ansicht seiner eigenen Augen sehen.