Worauf es bei Portraits wirklich ankommt

Mach es zu deinem Bild und lass dich nicht beirren.

Wenn du im Internet nach Tipps und Tricks für Portraits oder Peoplefotografie suchst, wirst du schnell erschlagen. Ich verstehe jeden, der sich dabei ein bisschen lost fühlt oder von den vielen „Hacks“ nicht wirklich angesprochen wird. In sozialen Medien entstehen Trends im Wochentakt. Ihnen nachzueifern funktioniert vielleicht für Reichweite, aber selten bringt es dich schneller zu einem eigenen Stil.

Fuji GFX100ii 63mm 2.8


Inspiration funktioniert anders. Und sie braucht Zeit.

Versteht mich nicht falsch: Auch ich bin inspiriert von vielen FotografInnen von Peter Lindbergh, Peter Coulson, Albert Watson, Richard Avedon oder Annie Leibovitz, um nur einige zu nennen. Ich lasse mich auch immer wieder von Menschen, Filmen, Musikvideos inspirieren oder von Magazinen wie der TUSH oder dem Hunger Magazine.

Worum es mir in diesem Artikel geht, spielt aber eine Ebene darüber.

„Mach dieses Licht und hebe deine Portraits auf ein neues Level.“
„5 Tipps für den Teal-and-Orange-Look.“
„Deinem Bild fehlt ein Rim Light.“

Diese Überschriften sollen dich nicht verwirren. Die schiere Menge an Dingen, die man angeblich unbedingt machen muss, hält dich eher zurück, als dass sie dich voranbringt.

Aus meiner Erfahrung entsteht ein eigener Stil nicht über große Sprünge von Look zu Look sondern über viele kleine Schritte innerhalb eines Looks. Ich probiere, feile und verändere mein Licht so lange, bis es sich richtig anfühlt. Und oft entdecke ich dabei etwas Neues, das ich weiterentwickeln kann. Man hat auf der einen Seite das Gefühl, nie „anzukommen“ aber genau das motiviert mich. Weil ich merke, wie sich mein Blick schärft und wie mein Stil wächst.

Ein eigener Look entsteht durch Zeit. Nicht durch Tricks.

„Nimm die Zeit“ ist der Claim dieses Blogs – und genau das möchte ich dir ans Herz legen, wenn du dich mit Portraitfotografie beschäftigst.

Jeder Typ ist anders

Mir persönlich bringen Tipps von extrovertierten Fotografen oft gar nichts, weil meine Arbeit eher introvertiert und ruhig ist. Und Fotografinnen, die hauptsächlich an schönen Stränden arbeiten, inspirieren mich zwar aber helfen mir praktisch wenig. Ich wohne in Köln. Der nächste Strand ist drei Stunden entfernt und der hat keine Palmen, sondern Strandkörbe und Kibbelingbuden.

Jeder startet mit anderen Voraussetzungen. Mit anderem Umfeld. Mit anderen Herausforderungen. Das heißt aber nicht, dass du dort, wo du bist, in deinem Tempo und mit deinen Mitteln keine phantastischen Bilder machen kannst.

Fuji GFX100ii 63mm 2.8

Bildsprache entwickelt sich weiter

Vor einigen Jahren sah Fotografie anders aus als heute. Drei Punkt Ausleuchtung war lange „the way to go“. Heute arbeiten viele lieber mit einer Lichtquelle weil man sich an der polierten Studioästhetik sattgesehen hat. Auch der Look von direktem Blitz auf der Kamera galt lange als „unästhetisch“. Heute wirkt genau dieser Look spontan, lebendig und ist überall.

Das soll dir Mut machen: Looks haben ihre Zeit. Und Menschen, die vor Jahren einen „unpopulären“ Stil perfektioniert haben, sind heute gefragt, weil sie wiedererkennbar sind.

Trends werden auf Social Media abgebildet während ein Trend gerade groß wird, wird schon am nächsten gearbeitet, der ihn wieder obsolet macht. Hab den Mut, in dem Stil zu fotografieren, in dem du dich wirklich wohlfühlst. Das sehen Betrachter. Und du wirst zu jemandem, den man wiedererkennt, ein Spezialist, mit einer eigenen Handschrift.

Ich habe vor Jahren mal von einer Kollegin den Satz gehört: „Das hat doch der Stefan fotografiert.“ Danke, Monique. :)

Fuji GFX100ii 63mm 2.8

Lass dich nicht von Technik beeindrucken

Eine zweite Sache, die mir unter den Nägeln brennt, ist technischer: Jede Kamera, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen ist, ist eine gute Kamera. Ich kenne KollegInnen, die phantastische Arbeiten machen mit Bodies, die zehn Jahre alt sind.

Das kannst du auch!

Neues Equipment kaufen hilft selten dem Bild. Es macht die Arbeit oft leichter und manchmal macht es mehr Spaß. Entscheidend ist aber, dass du deine Kamera wirklich beherrschst. Klar: Tieraugen-Autofokus kann für manche ein Segen sein, weil es den Workflow erleichtert. Gute Fotos haben diese Leute aber auch vorher schon gemacht.

In der Portraitfotografie lassen mich viele Neuerungen kalt. Ich brauche keinen Autofokus, der eine Millisekunde schneller ist, und auch keine noch schnellere Serienbildrate. (Für Wildlife oder Sport ist das natürlich anders aber hier geht es um Peoplefotografie.)

Für Licht gilt das Gleiche: Lass dich nicht davon beeindrucken, was auf Social Media an Material gezeigt wird. Ich arbeite seit über 20 Jahren als Fotograf allein dadurch sammelt sich viel Equipment an. Das erleichtert meine Arbeit enorm, macht aber nicht automatisch das Bild besser. Idee und Emotion stehen immer im Vordergrund. Wenn du die Prinzipien von Licht und Lichtsetzung verstanden hast, kannst du auch mit reduziertem Setup starke Portraits machen.

Fazit

Social Media schafft Sichtbarkeit. Es ist toll zum Austausch, zur Inspiration oder um an der Haltestelle Zeit totzuschlagen. Aber lass dich von der Bilderflut nicht davon abhalten, langsam, gründlich und genau an deiner Handschrift zu arbeiten. Tritt einen Schritt zurück und frag dich: Ist das, was ich gerade sehe, für mich wirklich relevant? Oder drängt mich ein Trend nur in eine Richtung, die gar nicht meine ist?

Der Weg zum eigenen Stil ist zu schön für Abkürzungen.

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Portraits bedeutet Hausaufgaben machen