Warum ich gerne mit hochfrontalem Licht beginne
Das erste Licht im Studio ist selten spektakulär. Eine Softbox, leicht über der Kamera. Kein Drama. Kein Effekt.
Aber genau dort beginne ich fast immer.
Da ich hauptsächlich mit Menschen arbeite, hat sich über die Zeit ein Workflow entwickelt, der für mich sehr zuverlässig funktioniert. Kein starres Rezept, sondern eher ein Ausgangspunkt, von dem aus ich mich Schritt für Schritt an ein Porträt herantaste. Vielleicht hilft dir dieser Ansatz auch bei deinem nächsten Shooting.
Fuji GFX 100ii, 80mm F8, 1/125
Wenn es keine redaktionellen Vorgaben gibt, beginne ich fast immer mit hochfrontalem Licht. Nicht, weil es besonders spektakulär ist, sondern weil es mir hilft, den Menschen vor meiner Kamera kennenzulernen.
Wenn ich von hochfrontalem Licht spreche, meine ich in der Regel:
Licht frontal zum Modell
leicht oberhalb der Augenhöhe
leicht nach unten auf das Gesicht gerichtet
etwa 20–40 cm über Augenhöhe
relativ nah am Gesicht wenn ich einen dunkleren Hintergrund erzeugen möchte etwas weiter weg, wenn der Hintergrund etwas mehr Licht bekommen darf
Lichtquelle zeigt direkt auf das Gesicht
Warum das ganze ?
Hochfrontales Licht bietet mir eine neutrale Grundlage. Es zeigt mir das Gesicht in seiner Symmetrie, ohne dass Schatten bereits eine starke Richtung oder Dramaturgie vorgeben. Ich kann beobachten, wie das Licht über das Gesicht läuft, wie sich Strukturen zeigen, wo Schatten entstehen und vor allem, wie der Mensch vor der Kamera wirkt.
Der Lichtformer, also die Qualität des Lichts, spielt dabei zunächst eine untergeordnete Rolle. Klar ist aber: je härter das Licht, desto direkter und deutlicher zeigen sich die Schattenverläufe. Je weicher das Licht wird, desto sanfter verlaufen diese Übergänge und desto verzeihender wird das Licht.
Ein kleiner Exkurs:
Weiches Licht mag ich bei Porträts nicht nur wegen der sanften Schattenzeichnung. Es gibt dem Menschen vor der Kamera vor allem mehr Bewegungsfreiheit. Die Positionierung muss nicht so exakt sein, kleine Bewegungen verändern das Bild weniger stark. Das sorgt für mehr Entspannung und damit oft auch für natürlichere Porträts.
Warum beginne ich also mit hochfrontalem Licht?
Weil es maximal symmetrisch ist. Es zeigt mir das Gesicht ohne Interpretation. Wenn ich anschließend das Licht langsam aus der Achse bewege erst leicht nach rechts, dann nach links sehe ich sehr genau, was mit den Schatten passiert. Kleine Veränderungen werden sichtbar und ich kann gezielt entscheiden, in welche Richtung sich das Porträt entwickeln soll.
Grafik Set.a.light. 3D https://www.elixxier.com/de/set-a-light-3d/
In der Grafik ist einmal die zentrale Position, sowie die äußeren Positionen links und rechts vom Modell zu sehen.
Das hilft mir an zwei Stellen.
Zum einen wird Symmetrie vom Betrachter oft als angenehm empfunden. Auch die porträtierte Person sieht sich in diesem Licht meist gerne. Man startet also mit einem sehr sicheren Setup, das vielleicht nicht spektakulär wirkt, aber zuverlässig ein gefälliges Ergebnis liefert.
Zum anderen entsteht dadurch sofort Vertrauen. Wenn der Mensch vor der Kamera gleich zu Beginn ein gutes Bild von sich sieht, wird der weitere Verlauf des Shootings entspannter. Das wirkt sich fast immer positiv auf die Zusammenarbeit aus.
Für mich ist hochfrontales Licht deshalb so etwas wie ein Safety Light. Ein sicherer Ausgangspunkt, von dem aus ich mich weiter vorarbeite.
Im weiteren Verlauf bewege ich die Lichtquelle dann auf derselben Höhe leicht von rechts nach links. Schon kleine Veränderungen zeigen deutlich, wie sich Schatten im Gesicht entwickeln, wie Konturen stärker oder weicher werden, wie sich Charakter und Wirkung verändern.
Grafik Set.a.light. 3D https://www.elixxier.com/de/set-a-light-3d/
Aus diesem ruhigen, symmetrischen Anfang entwickelt sich dann Schritt für Schritt das eigentliche Porträt. Manchmal bleibe ich relativ nah an der Frontalität, manchmal gehe ich deutlich weiter in eine seitliche Lichtführung. Aber der Ausgangspunkt bleibt oft derselbe.
Fuji GFX 100ii, 80mm F8, 1/125
hier ist deutlich zu sehen, dass das Licht nicht mehr zentral zum Modell steht. Der Übergang ist sanft aber addiert trotzdem Dreidimensionalität im Bild.
Hochfrontal ist für mich kein endgültiges Licht, sondern ein Anfang. Einer, der Sicherheit gibt, Orientierung schafft und mir hilft, den Menschen vor der Kamera wirklich zu sehen, bevor ich beginne, das Licht bewusst in eine bestimmte Richtung zu lenken.