Kontraste im Griff
Diffusion, Reflektor und Abschatter bei Outdoor-Portraits
Draußen zu fotografieren bedeutet nicht automatisch, das Licht so zu nehmen, wie es gerade kommt.
Gerade bei direkter Sonne kann ein Portrait schnell schwierig werden. Harte Schatten, helle Hautpartien, tiefe Schattenseiten und dazu ein Hintergrund, der vielleicht deutlich heller ist als unser Motiv.
Die naheliegende Reaktion ist oft: mehr Licht. Also Blitz drauf. Leistung hoch. Problem gelöst.
Dabei gibt es noch einen anderen Weg.
Wir können das vorhandene Licht erst einmal beruhigen, den bestehenden Kontrast zurücksetzen und anschließend genau den Kontrast wieder aufbauen, den wir für unser Bild haben wollen.
Dafür brauchen wir im Grunde nur drei ziemlich einfache Werkzeuge:
Diffusion, Reflektor und Abschatter.
Die Ausgangssituation: Die Sonne entscheidet
In unserem Beispiel kommt die Sonne deutlich seitlich auf das Modell.
Eine Gesichtshälfte bekommt viel Licht, die andere deutlich weniger. Die Schattenübergänge sind hart und kleine Strukturen auf der Haut werden stärker sichtbar.
Wir haben also kein Problem mit zu wenig Licht.
Im Gegenteil.
Wir haben zu viel Unterschied zwischen hell und dunkel.
Unser Problem ist der Kontrast.
Schritt eins: Den Kontrast resetten
Also bringen wir eine Diffusion zwischen Sonne und Modell.
Dadurch passiert gleich mehreres:
Die Sonne trifft nicht mehr direkt auf unser Gesicht. Stattdessen wird die beleuchtete Diffusionsfläche zu unserer neuen Lichtquelle.
Und weil diese Fläche aus Sicht des Modells deutlich größer ist als die Sonne selbst, werden die Schatten weicher und die Übergänge fließender.
Gleichzeitig nimmt die Diffusion Licht weg.
Und genau das ist hier wichtig.
Wir verändern damit nicht einfach nur die Härte des Lichts. Wir verändern das komplette Verhältnis auf unserem Motiv.
Der vorher sehr große Unterschied zwischen Licht- und Schattenseite wird kleiner.
Wir resetten den Kontrast.
Das Portrait wird dadurch zunächst einmal neutraler und vielleicht sogar etwas unspektakulärer.
Aber genau das wollen wir.
Denn ab jetzt bestimmt nicht mehr die Sonne, wie viel Kontrast unser Portrait bekommt.
Jetzt bestimmen wir es.
Neutral ist nicht das Ziel
Ein möglichst gleichmäßig ausgeleuchtetes Gesicht ist natürlich nicht automatisch ein gutes Portrait.
Die Diffusion ist deshalb nicht das Ende unserer Lichtsetzung sondern unsere Ausgangsbasis.
Wir haben die extremen Unterschiede reduziert und können nun selbst entscheiden, wo wir Licht hinzufügen oder wegnehmen.
Und genau hier kommen Reflektor und Abschatter ins Spiel.
Der Reflektor: Licht zurückbringen
Ein weißer Reflektor auf der Schattenseite bringt einen Teil des vorhandenen Lichts zurück ins Gesicht.
Wir erzeugen damit keine völlig neue Lichtsituation.
Wir nehmen lediglich Licht, das ohnehin vorhanden ist, und schicken einen Teil davon dorthin, wo wir es brauchen.
Dadurch wird die Schattenseite heller und der Kontrast im Gesicht kleiner.
Ganz bewusst nutzen wir hier eine weiße Oberfläche.
Sie arbeitet relativ zurückhaltend und fügt sich gut in das vorhandene Licht ein.
Der Reflektor soll nicht wie eine zweite Hauptlichtquelle aussehen.
Er soll lediglich das Verhältnis verändern.
Und genau das ist ein wichtiger Punkt:
Ein Reflektor macht nicht einfach nur heller.
Er kontrolliert Kontrast.
Wie nah er am Modell steht, wie groß die reflektierende Fläche ist und welche Oberfläche wir verwenden, entscheidet darüber, wie stark diese Veränderung wird.
Zu viel Aufhellung und das Gesicht verliert seine Form.
Zu wenig und der Effekt verschwindet.
Es geht um Balance.
Ein Reflektor hat auch eine Richtung
Mindestens genauso wichtig wie die Menge des reflektierten Lichts ist allerdings die Frage, woher dieses Licht kommt.
Und genau hier passiert bei Outdoor-Portraits ein ziemlich typischer Fehler.
Bei bedecktem Himmel ist es oft völlig in Ordnung, einen Reflektor relativ tief zu platzieren und ein Gesicht etwas von unten aufzuhellen.
Das Hauptlicht kommt dann aus einer riesigen, diffusen Fläche über uns. Eine leichte Aufhellung von unten kann Schatten unter den Augen, der Nase oder dem Kinn öffnen, ohne dass die Lichtrichtung sofort unnatürlich wirkt.
Bei direkter Sonne sieht das anders aus.
Steht der Reflektor tief und fängt direktes Sonnenlicht ein, bauen wir uns sehr schnell eine zweite, ziemlich deutliche Lichtquelle von unten.
Und dann entsteht dieser typische, etwas merkwürdige Look:
Das Kinn ist heller als die Stirn.
Das Licht kommt plötzlich aus einer Richtung, aus der wir es im natürlichen Umfeld eigentlich nicht erwarten.
Schatten unter Nase und Kinn verschwinden oder drehen sich sogar um und das Gesicht verliert seine natürliche Modellierung.
Das Problem ist dabei nicht der Reflektor sondern seine Position.
Wenn die Sonne unsere grundsätzliche Lichtrichtung vorgibt, sollte auch die Aufhellung möglichst zu dieser Richtung passen.
Lieber seitlich oder etwas höher reflektieren und den Reflektor so drehen, dass nur so viel Licht zurückkommt, wie wir tatsächlich brauchen.
Ein Reflektor hat nicht nur eine Helligkeit. Er hat auch eine Richtung und Farbe.
Und genau diese Richtung entscheidet am Ende darüber, ob die Aufhellung natürlich wirkt oder sofort als Effekt sichtbar wird.
Der Abschatter: Licht wieder wegnehmen
Was mit einem Reflektor funktioniert, können wir natürlich auch umdrehen.
Statt Licht zurückzubringen, können wir Licht wegnehmen.
Dafür nutzen wir einen Abschatter im Grunde eine dunkle Fläche, die verhindert, dass Licht von der Umgebung zurück auf unser Modell reflektiert wird.
Gerade draußen kommt erstaunlich viel Licht aus der Umgebung zurück.
Vom Boden, von Häusern, von hellen Flächen oder einfach vom Himmel.
Ein Abschatter reduziert dieses Licht gezielt.
Die Schattenseite wird dadurch dunkler und der Kontrast nimmt wieder zu.
Der Abschatter macht also genau das Gegenteil des Reflektors.
Der Reflektor öffnet die Schatten.
Der Abschatter vertieft sie.
Beides sind keine Effekte.
Beides sind Werkzeuge, um ein Verhältnis zu kontrollieren.
Erst zurücksetzen. Dann gestalten.
Und damit sind wir beim eigentlichen Gedanken hinter diesem Setup.
Die Diffusion macht nicht einfach nur weiches Licht.
Sie gibt uns Kontrolle zurück.
Wir reduzieren zunächst den Kontrast, den die Sonne uns vorgibt, und schaffen damit eine neutralere Ausgangslage.
Danach bauen wir den Kontrast wieder auf.
Mit einem Reflektor, wenn wir Schatten öffnen wollen.
Mit einem Abschatter, wenn wir sie vertiefen möchten.
Mit der Diffusion resetten wir den Kontrast.
Mit Reflektor und Abschatter bauen wir ihn neu auf.
Diesmal allerdings nicht so, wie das vorhandene Licht es zufällig vorgibt.
Sondern so, wie wir es für unser Bild haben wollen.
Zwei verschiedene Arten von Kontrast
Dabei lohnt sich noch ein genauerer Blick.
Denn in diesem Setup haben wir eigentlich zwei unterschiedliche Kontraste.
Zum einen den Kontrast innerhalb des Gesichts also den Unterschied zwischen Licht- und Schattenseite.
Zum anderen den Kontrast zwischen Modell und Hintergrund.
Auch darauf hat die Diffusion Einfluss.
Während unser Modell hinter der Diffusion weniger Licht bekommt, bleibt der Hintergrund weiterhin direkt von der Sonne beleuchtet.
Wir können unser Motiv dadurch innerhalb der Szene ganz anders einordnen.
Es geht also nicht nur darum, ein Gesicht schön auszuleuchten.
Wir gestalten das Verhältnis des gesamten Bildes.
Mehr Licht ist nicht immer die Lösung
Bei schwierigen Outdoor-Situationen wird schnell über zusätzliche Lichtquellen gesprochen.
Dabei ist draußen meistens mehr als genug Licht vorhanden.
Das eigentliche Problem ist oft nicht die Lichtmenge.
Es ist die Verteilung. Wo ist zu viel Licht? Wo ist zu wenig? Aus welcher Richtung kommt es?
Wie groß ist der Unterschied zwischen den einzelnen Bereichen?
Und genau deshalb können eine Diffusion, ein Reflektor und ein Abschatter manchmal wirkungsvoller sein als ein zusätzlicher Blitzkopf.
Nicht weil sie einfacher sind.
Sondern weil sie genau dort eingreifen, wo das Problem entsteht.
Licht setzen heißt Verhältnisse kontrollieren
Die Sonne können wir nicht verschieben und oft auch die Richtung in der wir fotografieren wollen nicht. In unserem Beispiel die Kranhäuser im Hintergrund die wir brauchen um Köln als Location zu erzählen.
Aber wir können entscheiden, wie viel von ihr bei unserem Motiv ankommt.
Wir können ihre Wirkung weicher machen.
Wir können Schatten öffnen oder Schatten vertiefen.
Wir können bestimmen, aus welcher Richtung zusätzliches Licht zurückkommt.
Und wir können entscheiden, wie stark sich unser Motiv vom Hintergrund absetzt.
Am Ende geht es beim Lichtsetzen deshalb gar nicht darum, möglichst viel Equipment aufzubauen.
Es geht darum, zu erkennen, welches Verhältnis im Bild gerade nicht funktioniert und genau dieses Verhältnis zu verändern.
Denn draußen fotografieren bedeutet nicht, sich dem vorhandenen Licht auszuliefern.
Es bedeutet, mit ihm zu arbeiten.
Und manchmal beginnt Kontrolle damit, erst einmal alles ein Stück zurückzusetzen.