Ein Gesicht. Drei Welten.

Commercial, Beauty und Portrait – und warum Lichtsetzung lange vor der ersten Lampe beginnt.

Das ist Maite. Dreimal.

Einmal soll sie offen, freundlich und kommerziell funktionieren. Einmal wird ihr Gesicht zur Bühne für Licht, Haut und Form. Und einmal gibt es überhaupt keine Aufgabe.

Gleiches Gesicht. Gleiche Person vor der Kamera. Und trotzdem entstehen Bilder, die kaum unterschiedlicher sein könnten.

Vielleicht zeigt genau das ziemlich gut, warum Lichtsetzung für uns nicht damit beginnt, einen Lichtformer auszuwählen.

Sie beginnt mit einer viel einfacheren Frage:

Was soll dieses Bild eigentlich machen?

Welt 1: Commercial

Für unser erstes Shooting war die Aufgabe ziemlich klar: Wir wollten Maite kommerziell fotografieren.

Und „kommerziell“ bedeutet dabei nicht automatisch langweilig. Es bedeutet vor allem, dass das Bild funktionieren muss.

Das Gesicht soll zugänglich sein. Die Haut soll schön aussehen. Schatten dürfen Form geben, sollen aber möglichst wenig stören. Das Licht soll präsent sein, ohne selbst zum Hauptdarsteller zu werden. Benutzt wurde hierbei ein 160×160 Scrim, ein sanftes Haarlicht durch ein 130 Striplight und eine silberne Aufhellung von unten.

Entsprechend haben wir groß und weich gearbeitet.

GFX 100ii, 110mm F8 ISO100

Eine große Lichtquelle sorgt für weiche Übergänge und kontrollierte Schatten. Das Gesicht bleibt plastisch, wirkt aber freundlich und offen.

Gerade in kommerzieller Fotografie ist das häufig wichtiger als ein besonders spektakuläres Lichtsetup.

Wir möchten nicht unbedingt, dass der Betrachter zuerst denkt:

„Krasses Licht.“

Im besten Fall denkt er gar nicht darüber nach.

Das Licht erledigt einfach seinen Job.

Welt 2: Beauty

Dann fotografieren wir Maite noch einmal.

Aber plötzlich gelten andere Regeln.

Beautyfotografie klingt zunächst nach besonders weichem, schmeichelndem Licht. Tatsächlich findet man gerade in moderner Beautyfotografie sehr häufig ziemlich hartes Licht.

Denn jetzt dürfen Dinge sichtbar werden.

Hautstruktur. Glanz. Konturen. Schatten.

Das Licht muss nicht mehr möglichst unauffällig funktionieren. Es darf selbst Teil der Bildsprache werden. Geblitzt wurde hier mit einem Blitzkopf ohne Lichtformer der Kamera rechts und leicht von oben gestellt wurde. Um den Sonnenlook noch etwas zu unterstützen, wurde durch den Weißabgleich das Bild global um 500k wärmer gezogen. Um die Tiefe der Schatten zu kontrollieren, hat eine weiche Lichtquelle zusätzlich als Aufhellung fungiert. Die Lichtrichtung, also die Stimmung ist geblieben aber die Schatten wurden leicht angehoben.

GFX100ii, 110mm F8 1/125

Und genau dadurch verändert sich Maite.

Natürlich nicht als Person.

Aber fotografisch.

Das Gesicht wird grafischer. Kontraste werden klarer. Oberflächen bekommen mehr Bedeutung. Das Bild wirkt inszenierter.

Beim Commercial-Shooting wollten wir Schatten kontrollieren.

Beim Beauty-Shooting können genau diese Schatten plötzlich interessant werden.

Es gibt also nicht das eine „gute Licht“.

Es gibt Licht, das zu einer bestimmten Aufgabe passt.

Oder eben nicht.

Und dann nehmen wir die Aufgabe weg

Bis hierhin hatten beide Shootings einen ziemlich klaren Zweck.

Commercial soll funktionieren.

Beauty soll inszenieren.

Aber was passiert, wenn diese Vorgabe verschwindet?

Ich habe Maite auch vor einiger Zeit so fotografiert, wie ich selbst Portraits gerne fotografiere.

Kein Produkt. Keine kommerzielle Verwertbarkeit, über die ich nachdenken muss. Keine Definition davon, wie Beauty auszusehen hat.

Nur Maite, die Kamera und meine eigene Vorstellung davon, welches Bild ich machen möchte.

GFX 100ii, 55mm F1.7 ISO100

Plötzlich wird das Bild dunkler.

Näher.

Ruhiger.

Ich gehe mit der Kamera etwas nach unten. Allein dieser veränderte Blickwinkel verändert bereits die Wirkung des Gesichts. Maite bekommt mehr Präsenz, ohne dass wir dafür viel hinzufügen müssen.

Der Hintergrund verschwindet.

Farbe verschwindet.

Und auch das Licht muss nicht mehr alles zeigen.

GFX 100ii, 55mm F1.7 ISO100


Vielleicht ist genau das der größte Unterschied zu den beiden anderen Welten:

Hier muss das Bild nichts erklären.

Es muss weder freundlich sein noch einem bestimmten Beauty-Look entsprechen.

Es darf einfach ein Portrait sein.

Keine dieser Welten ist richtiger

Das ist wahrscheinlich der Punkt, der uns an diesem Vergleich am meisten gefällt.

Es wäre ziemlich einfach zu sagen:

Hartes Licht ist spannender als weiches.

Oder:

Freie Portraits sind ehrlicher als kommerzielle Bilder.

Aber beides wäre Unsinn.

Das Commercial-Bild erfüllt eine Aufgabe.

Das Beauty-Bild erfüllt eine andere.

Und das Portrait folgt wieder einer vollkommen anderen Idee.

Dasselbe Gesicht braucht deshalb nicht dasselbe Licht.

Denn Licht ist keine Schablone, die wir über jeden Menschen legen.

Es ist ein Werkzeug.

Erst die Absicht. Dann das Licht.

Wir reden in der Fotografie unglaublich gerne über Lichtformer.

Beauty Dish oder Softbox?

Hart oder weich?

Groß oder klein?

Ein Licht oder drei?

All diese Fragen sind sinnvoll.

Aber eigentlich kommen sie erst später.

Die erste Frage müsste lauten:

Was möchte ich mit diesem Bild erzählen?

Soll jemand sympathisch und zugänglich wirken?

Soll Haut und Form inszeniert werden?

Oder soll ein Portrait vielleicht gar keine andere Aufgabe haben, als zu zeigen, wie wir diese Person gerade sehen?

Erst wenn wir das wissen, können wir entscheiden, welches Licht uns dabei hilft.

Maite war immer Maite.

Nur unsere Absicht hat sich verändert.

Und damit das Licht.

Und damit das Bild.

Ein Gesicht. Drei Welten.

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