Mein erster Standpunkt ist selten der letzte

Es gibt diesen Moment am Anfang eines Shootings: Das Licht steht, der Hintergrund hängt, das Model sitzt vor der Kamera, und eigentlich könnte man anfangen zu fotografieren.

Also mache ich genau das.

Erst mal sehen.

Nicht, weil ich glaube, dass an dieser Stelle schon das beste Bild entsteht. Sondern weil ich einen Ausgangspunkt brauche.

Ein erstes Bild sagt mir, was funktioniert. Und mindestens genauso wichtig: was noch nicht funktioniert.

Das erste Foto ist eine Frage

Gerade bei Portraits passiert es schnell, dass man einen einmal gefundenen Kamerastandpunkt für gegeben hält.

Das Model sitzt dort.
Die Kamera steht hier.
Das Licht sieht gut aus.

Warum also noch etwas verändern?

Weil sich ein Portrait nicht nur dadurch verändert, was vor der Kamera passiert.

Es verändert sich genauso stark dadurch, wo die Kamera ist.

Ein Schritt nach vorne verändert die Nähe.

Ein etwas niedrigerer Standpunkt verändert die Präsenz.

Ein kleiner Wechsel des Winkels verändert Proportionen, Haltung und die Beziehung zwischen Person und Betrachter.

Und manchmal ist es genau diese kleine Veränderung, die aus einem technisch guten Bild das richtige macht.

Erst mal näher

Beim ersten Portrait ist noch viel Raum im Bild.

Man sieht die Person, die Haltung, den Stuhl, den Hintergrund. Das Bild erzählt stärker über die Situation.

Das kann genau richtig sein.

Aber ich möchte wissen, was passiert, wenn ich diese Informationen reduziere.

Also gehe ich näher.

Plötzlich verändert sich die Wirkung. Die Person wird wichtiger als das Set. Die Distanz zum Betrachter wird kleiner.

Und genau hier liegt für mich ein wichtiger Unterschied.

Wenn ich ein engeres Portrait möchte, kann ich natürlich eine längere Brennweite nehmen. Dann bekomme ich einen engeren Ausschnitt.

Aber ich bin der Person keinen Zentimeter näher gekommen.

Nähe entsteht nicht durch Brennweite. Nähe entsteht durch Abstand.

Oder wie ich es immer wieder sage:

Die Brennweite bringt euch nicht näher ans Motiv. Die Füße sind es.

Denn erst wenn ich meinen Standort verändere, verändert sich auch die Perspektive.

Die Brennweite verändert den Ausschnitt. Die Füße verändern die Perspektive.

Und genau deshalb bewege ich mich. Ich gehe nach vorne, verändere meine Höhe, korrigiere den Winkel und schaue jedes Mal neu, was diese Position mit dem Bild macht.

Das Interessante daran: Vor der Kamera muss dafür nicht viel passieren.

Ich muss mich bewegen.

Dann den Winkel ändern

Nähe allein löst aber noch nichts.

Denn mit jedem neuen Abstand stellt sich dieselbe Frage erneut:

Von wo aus funktioniert dieses Bild am besten?

Etwas höher fotografiert wirkt ein Portrait anders als auf Augenhöhe. Eine leichte Untersicht kann einer Person mehr Präsenz geben. Schon wenige Zentimeter verändern die Linien im Gesicht, die Haltung der Schultern und das Verhältnis der Person zum Bildraum.

Das klingt nach einer Kleinigkeit.

Im fertigen Bild ist es oft keine.

Deshalb versuche ich nicht, meinen ersten Standpunkt zu verteidigen. Ich korrigiere ihn.

Nicht, weil er falsch war.

Sondern weil er mir gezeigt hat, wohin ich als Nächstes gehen möchte.

Noch ein Stück

Irgendwann wird aus „näher“ wirklich nah.

Der Stuhl verschwindet fast vollständig. Die Pose verliert an Bedeutung. Was bleibt, ist das Gesicht und der direkte Blick in die Kamera.

Damit verändert sich auch die Geschichte des Bildes.

Aus einem Portrait einer Person in einer Situation wird eine Begegnung.

Und genau deshalb gibt es für mich keinen grundsätzlich richtigen Abstand.

Das weit gefasste Bild kann richtig sein.

Das Halbportrait kann richtig sein.

Das enge Portrait kann richtig sein.

Die Frage ist nur, welches davon das erzählt, was ich gerade erzählen möchte.

Bewegung ist Teil der Bildgestaltung

Bei Bildgestaltung denken wir schnell an Brennweiten, Drittelregel, Negativraum oder Linien.

Aber eine der einfachsten Möglichkeiten wird erstaunlich leicht vergessen:

den eigenen Standort zu verändern.

Ich möchte nicht an einem Punkt stehen und von dort aus Varianten produzieren. Ich möchte das Motiv genauer kennenlernen.

Wie wirkt es von hier?

Was passiert einen halben Meter weiter vorne?

Was verändert sich, wenn die Kamera etwas tiefer kommt?

Wann entsteht Nähe?

Wann entsteht Stärke?

Wann stimmt es?

Das macht Fotografieren für mich zu einem ziemlich körperlichen Prozess.

Sehen. Bewegen. Wieder sehen.

Bis es stimmt

Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke dieser kleinen Serie:

Das erste Bild muss noch nicht gut genug sein.

Es muss mir nur etwas zeigen.

Von dort aus kann ich reagieren.

Näher.

Den Winkel verändern.

Noch ein Stück.

Wieder schauen.

Fotografie ist für mich deshalb weniger die Suche nach einem perfekten Kamerastandpunkt, den man vorher kennen müsste.

Es ist ein Prozess aus Sehen und Reagieren.

Und manchmal liegen zwischen dem ersten brauchbaren Bild und dem Bild, das am Ende hängen bleibt, nur ein paar Schritte.

Mein erster Standpunkt ist selten der letzte.

Zum Glück.

Danke an Fine

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