Fitnessfotografie: Muss das Licht wirklich hart sein?

Wer Muskulatur fotografieren möchte, landet schnell bei einer scheinbar einfachen Regel: Dafür braucht man hartes Licht. Klingt plausibel. Muskeln sollen deutlich hervortreten, das Bild darf Kontrast haben, und hartes Licht erzeugt klar begrenzte Schatten.

Für diese Folge BildPunk verlassen wir meine fotografische Wohlfühlzone und beschäftigen uns mit Fitness und Muskulatur. Dabei interessiert mich vor allem eine Frage: Was arbeitet die Körperformen eigentlich heraus: die Härte des Lichts oder seine Richtung?

Die kurze Antwort: Hartes Licht kann sehr gut funktionieren. Zwingend notwendig ist es aber nicht. Auch weiches Licht kann Muskulatur deutlich zeichnen, wenn es aus einer passenden Richtung kommt und die Schatten nicht zu stark aufgehellt werden.

Körperform braucht Licht und Schatten

Eine Kamera bildet den Körper auf einer Fläche ab. Damit wir seine Form im Foto trotzdem erkennen, brauchen wir Hinweise auf Tiefe. Helle und dunkle Partien liefern solche Hinweise: Eine Fläche ist dem Licht zugewandt, eine andere abgewandt. Dazwischen entstehen Übergänge, an denen wir Rundungen und Vertiefungen ablesen können.

Deshalb lohnt es sich, vor der Wahl des Lichtformers zunächst auf die Körperform zu schauen. Wo sollen Schultern, Arme oder Bauch plastisch erscheinen? Aus welcher Richtung muss das Licht kommen, damit dort überhaupt ein Unterschied zwischen beleuchteten und weniger beleuchteten Flächen entsteht?

Das lässt sich in unserer Bildfolge gut beobachten. Wir starten mit einer Softbox frontal zum Model, nehmen sie anschließend höher und verschieben sie schließlich zur Seite. So entwickeln wir die Körperzeichnung über die Richtung des Hauptlichts.

Frontal: viel Licht, wenig Zeichnung

Zunächst steht die Softbox frontal zum Model. Der Körper ist gut sichtbar, die Muskulatur tritt aber kaum hervor. Besonders am Bauch fehlen die deutlichen Schatten, an denen wir die einzelnen Formen ablesen könnten.

Bei Licht nahe der Kameraachse liegen viele Schatten aus Sicht der Kamera hinter den Formen, die sie erzeugen. Die sichtbaren Flächen werden vergleichsweise gleichmäßig beleuchtet. Die Muskulatur ist natürlich vorhanden aber im Foto bekommt sie nur wenig Zeichnung.

Ein größerer Abstand kann zusätzlich für einen gleichmäßigeren Helligkeitsverlauf sorgen: Kleine Tiefenunterschiede am Körper fallen gegenüber der gesamten Entfernung zur Lichtquelle weniger ins Gewicht. Das Abstandsquadratgesetz beschreibt dabei den Helligkeitsabfall mit der Entfernung.

Der Abstand beeinflusst außerdem die scheinbare Größe der Lichtquelle und damit die Schattenübergänge. Er ist deshalb ein eigener Gestaltungsfaktor. Die fehlende Körperzeichnung in unserem Ausgangsbild erklären wir vor allem über die frontale Lichtrichtung.

Von oben: horizontale Schatten werden sichtbar

Als Nächstes nehmen wir die Softbox höher. Das Licht trifft den Körper nun stärker von oben. Unter den hervortretenden Formen entstehen Schatten, die aus Kamerasicht sichtbar werden.

In unserer Serie treten dadurch zunehmend horizontale Schattenverläufe hervor. Besonders unterhalb des Brustkorbs und an den Bauchmuskeln lässt sich die Form besser ablesen. Die Beleuchtung bekommt eine Richtung, die zur Körperstruktur bzw. Muskelstruktur passt.

Dabei verwenden wir weiterhin die Softbox. Für diese Veränderung ist also zunächst ihre Position entscheidend. Auch weichere Übergänge können die Muskulatur deutlich beschreiben, wenn die Schatten an den passenden Stellen entstehen.

Seitlich von oben: Zeichnung in einer zweiten Richtung

Anschließend ziehen wir die höher stehende Softbox zur Seite. Zum Licht von oben kommt ein seitlicher Einfallswinkel hinzu. Dadurch werden auch senkrechte Schattenverläufe sichtbar.

Die Bauchpartie bekommt mehr seitliche Modellierung; helle Flächen und dunklere Vertiefungen unterscheiden sich deutlicher. Die Form lässt sich nun in mehreren Richtungen ablesen. Genau dieser Schritt macht den Unterschied zwischen einer ausgeleuchteten Fläche und einem plastisch dargestellten Körper besonders anschaulich.

Die passende Position hängt auch von der Haltung ab. Eine Drehung des Körpers verändert, welche Flächen sich dem Licht zuwenden. Licht und Pose müssen deshalb zusammen betrachtet werden.

Weich bedeutet nicht automatisch flach

Bei der Diskussion über hartes und weiches Licht werden leicht zwei Eigenschaften vermischt: die Beschaffenheit der Schattenübergänge und der Helligkeitsunterschied zwischen Licht und Schatten.

Weiches Licht erzeugt weichere Übergänge. Das bedeutet aber nicht, dass die Schatten hell sein müssen. Bleibt die vom Licht abgewandte Seite dunkel, kann auch mit einer großen Lichtquelle eine deutliche Modellierung entstehen.

Umgekehrt garantiert hartes Licht noch keine ausgeprägte Körperzeichnung. Kommt es aus einer ungünstigen Richtung oder werden die Schatten durch Aufhellung und reflektiertes Licht stark angehoben, kann die Wirkung deutlich flacher ausfallen als erwartet.

Für die Muskulatur ist deshalb die Lichtrichtung oft der entscheidendere Ausgangspunkt. Die Lichtqualität bestimmt anschließend mit, wie weich, kantig oder dramatisch diese Zeichnung wirkt.

Und am Ende dürfen wir die Muskulatur nicht separat vom Bild betrachten. Weiches Licht, das etwas aus der Achse kommt, beleuchtet nämlich das Gesicht sehr viel gefälliger als hartes Licht.

Erst die Richtung, dann der Feinschliff

Wer das selbst ausprobieren möchte, kann zunächst mit einer einzigen Lichtquelle arbeiten. So lässt sich ihre Wirkung leichter beurteilen.

Lasst die Person dieselbe Pose halten und verändert die Position des Lichts. Beobachtet dabei gezielt eine Körperpartie: Wann wird eine Schulter rund? Wann bekommt der Bauch Struktur? Wann verschwinden diese Unterschiede wieder?

Danach bleibt das Licht stehen, und die Person dreht sich leicht. Dieser zweite Versuch macht sichtbar, wie eng Pose und Lichtrichtung zusammenhängen. Es gibt keine Lampenposition, die unabhängig vom Körper immer dasselbe Ergebnis liefert.

Erst wenn die grundlegende Zeichnung stimmt, lohnt es sich, die Aufhellung und die Lichtqualität weiter abzustimmen. Mehr Licht ist dabei nicht automatisch hilfreicher: Eine zusätzliche Aufhellung kann genau die Schatten abschwächen, die gerade die Form sichtbar gemacht haben.

Die Kante formt Arm und Schulter

Zur Zeichnung durch das Hauptlicht ergänzen wir ein Kantenlicht. Es definiert Arm und Schulter durch einen hellen Verlauf entlang ihrer Form.

Seine Wirkung geht damit über die Trennung vom Hintergrund hinaus. An der Schulter und am Arm zeigt der Wechsel zwischen der hellen Kante und den dunkleren angrenzenden Flächen zusätzlich die Rundung. Entscheidend ist, wo das Licht den Körper trifft und wie weit es auf die sichtbare Fläche reicht.

Ein schmaler Lichtsaum und eine breitere beleuchtete Partie wirken unterschiedlich. Deshalb stimmen wir auch dieses Licht auf die Körperform und die bereits vorhandene Zeichnung ab.

Farbiges Kantenlicht als zusätzliche Gestaltung

Für unseren Look treiben wir die Gestaltung noch etwas weiter und ergänzen farbiges Kantenlicht. Cyan und Pink setzen Akzente an den Körperkonturen und heben sie vom dunklen Hintergrund ab.

Dabei kommt zum Helligkeitskontrast ein Farbkontrast hinzu. Das Bild bekommt eine zusätzliche Spannung, und die Konturen lassen sich deutlicher vom Umfeld unterscheiden.

Die farbigen Kanten ergänzen die Modellierung durch das Hauptlicht. Sie betonen Arm und Schulter und prägen gleichzeitig den gesamten Look. Wir bauen also auf einer bereits vorhandenen Körperzeichnung auf und geben ihr eine zusätzliche gestalterische Ebene.

Das lässt sich auch an der Farb- und Schwarzweißversion desselben Motivs betrachten. In Schwarzweiß rücken die Helligkeitsverläufe stärker in den Vordergrund. In Farbe werden Cyan und Pink zu zusätzlichen Blickfängen. Die Schwarzweißversion zeigt allerdings weiterhin die Wirkung der Kantenlichter – sie ist kein Vergleich mit ausgeschalteten Kanten.

Auch das Styling erzählt mit

Die Lichtsetzung ist nur ein Teil der Bildaussage. Kleidung, Haltung und Ausschnitt bestimmen mit, in welchem Zusammenhang wir einen Körper sehen.

Für diesen Look haben wir uns bewusst für Sweatpants entschieden. Der sichtbare Hosenbund setzt einen sportlichen Bezug und gehört deshalb zur Gestaltung. Gerade bei einem engeren Ausschnitt würde dieser Hinweis verloren gehen.

Haut muss sichtbar sein, damit sich die Lichtwirkung auf die Muskulatur beurteilen lässt. Wie das gesamte Bild gelesen wird, entsteht aber aus dem Zusammenspiel aller Entscheidungen vor der Kamera und dahinter.

Eine bessere Ausgangsfrage

Ich nehme aus diesem Ausflug vor allem eine andere Reihenfolge mit: zuerst die Form betrachten, dann die Richtung des Lichts wählen und anschließend seine Qualität und den Kontrast abstimmen.

Die Frage lautet also weniger: Welchen Lichtformer brauche ich für Muskeln? Sondern: Aus welcher Richtung muss das Licht kommen, damit ich diese Körperform zeigen kann?

Von dort aus lässt sich der Look weiterentwickeln: mit hartem oder weichem Licht, zurückhaltend oder mit farbigen Kanten. Genau das probieren wir in der neuen Folge BildPunk aus.

Wer sich noch tiefer in die Materie begeben will, der mag auf diesen Artikel einen Blick werfen:

https://broncolor.swiss/news/famous-five-what-is-coverage-edge-transfer-shadow-definition-shadow-contrast-highlights

Danke an Melisa: https://www.instagram.com/melisa.zngi/

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Wenn ein Foto tanzen soll